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„Das Malen ist für mich wie das Atmen.“ - Juliana Do

Text: Jana Leitner
Übersetzung: Jana Leitner Fotos: Archiv Juliana DO
Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift "Bulgaren in Österreich" Nr. 12 veröffentlicht.

Juliana Do (Kurzform von Dobrikova) wurde 1975 in Plovdiv geboren. 1994 absolviert sie dort das Gymnasium für bildende Künste „Z. Lаvrenov“, ein Jahr später kommt sie nach Österreich und lässt sich in Wien nieder, wo sie 2002 ihr Hochschulstudium beendet und seitdem als Malerin arbeitet. Zu ihren zahlreichen künstlerischen Aktivitäten zählen Einzelausstellungen, wie etwa in der Galerie Kranister (2002) in Кlosterneuburg, im Haus Wittgenstein (2004) und Art Floor (2006) in Wien, Galerie Studio 247 (2007) in Аmsterdam u. a. sowie Teilnahme an Gruppenausstellungen, etwa 1998 und 1999 an der Кunstakademie Wien unter der Schirmherrschaft von Harald Seemann bzw. von Кasper König.

Juliana Do ist angesehene Trägerin mehrerer Preise, etwa von der Stiftung „Sussmann & Sussmann“, 1999 in Wien; von internationalen Wettbewerben in Berlin und New York, 2006 bzw. 2007 sowie von „Аrtist in residens“ in Аmsterdam, 2007 . Ferner wurde sie im Jahr 2000 in den Kunstkalender von IBM aufgenommen.


Juliana, wieso hast du dich für die Malerei begeistert? Sind Maler in deiner Familie?

Ich male von sehr klein an: Meine ersten noch vorhandenen Bilder sind aus der Zeit, als ich 3-4 Jahre alt war. Damals schon habe ich angeblich gesagt, dass ich Malerin werden will, mein Weg hat sich also als vorgezeichnet herausgestellt. [lacht]. Ansonsten beschäftigt sich mein Vater hobbymäßig mit Holzschnitzerei, und mein Großvater war Tischler von Beruf.


Wie hast du die Entscheidung getroffen, nach Österreich zu kommen?

Nach dem Kunstgymnasium kam ich hierher um mein Hochschulstudium zu machen, und zwar in Linz, weil sich eine Freundin und Mitschülerin von mir dort einige Jahre zuvor mit ihren Eltern niedergelassen und mir die Akademie der Stadt heiß empfohlen hatte. Ich wurde als Erste der Aufnahmeliste aufgenommen, mit dem Hauptfach Malerei und Graphik, ein Jahr später bewarb ich mich allerdings an der Wiener Kunstakademie, und so schloss ich mein Studium in Wien ab, womit ich sehr zufrieden bin. Ich absolvierte die Klasse von Prof. Franz Graf mit Schwerpunkt Malerei unter besonderer Berücksichtigung des Dreidimensionalen, d. h. des Zweidimensionalen in seiner räumlichen Projektion. Das war sein eigenes Konzept und zugleich etwas ganz Neues für mich, doch es erweiterte wesentlich den Rahmen meiner künstlerischen Entwicklung.

 

Was bedeutet für dich die Malerei? Was gibt sie dir und was nimmt sie dir?

Sie gibt mir den Lebensfunken. Für mich ist sie wie das Atmen. Was sie mir nimmt, sollen wohl meine Freunde und Verwandten sagen [lacht]: Zeit, Anwesenheit..., weil meine ganze Konzentration tatsächlich dem Malen gewidmet ist. Ich habe es von klein an als meine Berufung empfunden und bin sehr glücklich, dass es so weiter geht. Jedem ist bewusst, mit welchen Schwierigkeiten ein Künstler heutzutage konfrontiert wird, und wie schwer es ist, das als Beruf auszuüben, von dem man leben kann...

Von welchen großen Malern fühlst du dich inspiriert?

Ich habe viele Lieblingskünstler, die dem Stil nach sehr verschieden sind. Zum Beispiel Еl Greco, Моdigliani, Мichelangelo; von den Zeitgenössischen Ron Mueck – er ist der heutige Мichelangelo für mich; auch die konzeptuellen Arbeiten von Sol LeWitt mag ich sehr. Vasarely schätze ich ungemein; Escher (Maurits Cornelis) ist für mich unglaublich; Christo...

Haben sie deinen Stil beeinflusst?

Аbsolut! Sie alle haben mich beeinflusst. Sogar land art von Аndy Goldsworthy übt auch einen gewissen Einfluss auf mich hinsichtlich meiner Suche nach der Projektion des Zweidimensionalen ins Dreidimensionale aus, wenn auch die Ausdrucksformen verschieden sind.

Und wie würdest du deinen Stil charakterisieren?

Ich lasse mich nicht einem bestimmten Stil zuordnen, kann lediglich mein Konzept beschreiben. Das Hauptthema meiner Kunst ist der menschliche Körper. Er wird sowohl abstrakt als auch realistisch dargestellt, immer in einem abstrakten Milieu, das ihn zugleich bildet. So ist er ein Teil sowohl von der äußeren Schicht als auch von allen übrigen Kompositionsschichten, und so abstrakt manche meiner Bilder wirken mögen, so lässt sich in ihnen immer ein versteckter Körper finden.

Im Mai gab es eine Ausstellung von Design-Möbelstücken von dir: War das deine erste Ausstellung dieser Art, und woher kam die Idee dafür?

Jа, das war tatsächlich meine erste Ausstellung dieser Art. Da ich schon länger den Wunsch nach einer Eigenwohnung hege, die vom Boden bis zur Decke nach meinen Ideen gestaltet ist [lacht], begann ich mich mit Möbelstücken zu beschäftigen – manche meiner Möbel zu Hause etwa habe ich bereits bemalt. Bei der Ausstellung präsentierte ich etwa einen Leuchtkörper und drei Tische... Ich bin allerdings noch am Anfang.

Das kommt auch als natürliche Folge meines Studiums an der Wiener Kunstakademie, an der ich, außer mit den Malwerkzeugen, mit vielen anderen Materialien arbeitete, mich mit dem Dreidimensionalen auseinandersetzte – mit Objekten eben, wovon auch das Design herrührt. Jetzt, Jahre später, kommt das in meinem Schaffen zum Ausdruck. Nichts ist zufällig.

Du hast vor kurzem an einem Plainair in Bad Altaussee, Salzkammergut, teilgenommen, wo du mit neuen Materialien experimentiert hast...

Stimmt, ich war sehr glücklich, weil die Natur dort unglaublich ist. Ich wollte etwas Neues ausprobieren und machte land art. Ich benützte Baumrinden, die vom ausgiebigen Regen gerade weich geworden waren: etwa 1 bis 4 Meter lang und ca. 15 сm breit. In diesem Zustand ließen sie sich unheimlich gut modellieren. Es war mir ein großes Vergnügen... Zu meiner Überraschung wurden auch einige davon bei der Vernissage verkauft.

Auf welche Aktivitäten als Malerin in Österreich bist du am meisten stolz bzw. welche haben dir die meiste Genugtuung verschafft?

[Denkt nach.] Meine größte Einzelausstellung fand vor vier Jahren im Haus Wittgenstein statt. Die Räume im Untergeschoß sind fantastisch, und ich hatte die Chance, sie alle zu nützen. Eigentlich bin ich mit dieser Aktivität – meiner größten bis dato – am meisten zufrieden. Dort gelang es mir, die meisten Werke auszustellen, und zwar auf die verschiedenste Art und Weise. Das Haus selbst hat einen großen architektonischen Wert, die Räume unten sind für Präsentationen von Kunstobjekten sehr effektvoll, und es ergab sich ein sehr schönes Ausstellungskonzept in jedem der drei Räume. Das Projekt kam dank einer österreichischen Mäzenin zustande. Sie hatte die Idee für diese Ausstellung im bulgarischen Kulturinstitut, hat Kontakt aufgenommen und alles Notwendige organisiert. Am stolzesten aber bin ich eigentlich auf die Eröffnungsausstellung meiner eigenen Atelier-Galerie letztes Jahr.

Erzähl uns, wie du zu dieser Galerie gekommen bist…

Da meine Wohnung sehr klein ist, es aber so kam, dass ich dort drei Jahre lang arbeiten musste, beschloss ich, dass es höchste Zeit wäre, ein eigenes Atelier zu suchen. Und während ich auf der Suche war, fand es mich eigentlich [lacht]. Es ergab sich ganz zufällig durch eine Bekannte, die ein Geschäft hat und mich einlud, dort meine Bilder auszustellen. Neben ihrem Geschäft befand sich ein Riesenlager, das mich sofort beeindruckte. Die Besitzerin war bei der Ausstellung und so knüpfte ich Kontakt zu ihr. Ein paar Monate später mietete ich den Raum, und im November 2007 fand die offizielle Eröffnung statt.

… bei welcher die Brüder Wladigeroff spielten – wie auch bei all deinen Vernissagen...

Jа, dafür bin ich ihnen sehr dankbar, und ich freue mich ungemein, dass ich sie kenne!

Diese Wechselwirkung zwischen den Künsten ist wundervoll, und wenn sie an ein und demselben Ort passiert, ist die Wirkung toll!

Dein Freund Мichel Nahabedian spielte auch mit ihnen...

Jа, , er spielt Saxophon. Bei der letzten Vernissage im März d. J., feierte ich zugleich meinen Geburtstag., da spielte mit ihnen auch Dimitar Karamitev – Kaval, und meine Freundin Маria Ivanova sang. Eigentlich hat ihre Gesangskarriere erst vor kurzem begonnen, und sie war sehr froh über diesen Auftritt, sie ist wirklich eine tolle Sängerin!...

Es war ein wunderbares Ereignis und eine schöne Feier mit Freunden!

Bilder von dir schmücken auch das Cover und Booklet der CD der Brüder Wladigeroff, die sie vor einigen Monaten herausbrachten…

Ich war sehr angenehm überrascht, als sie mich fragten, ob ich möchte, dass ein Bild von mir ihre CD ziert. Ich glaube, uns verbindet, die Mentalität, die sie in meinen Bildern fanden, und davon fühle ich mich zutiefst geschmeichelt und bin zugleich auch sehr dankbar.

Du wurdest auch von einem Galeristen aus Oberösterreich sehr geschätzt, der unlängst deine Bilder mit Erfolg in Bad Ischl ausstellte...

Es war eine ernsthafte Sache – eine Gruppenausstellung mit prominenten österreichischen Namen.

Eigentlich war es so, dass dieser Galerist zu mir kam und mich fragte, ob ich Interesse hätte, von ihm bei der Kunstmesse art fair in Linz präsentiert zu werden. Selbstverständlich hatte ich Interesse! Außerdem wollte er meine Werke sofort ausstellen. Das klappte glücklicherweise, obwohl die Galerien ihr Programm normalerweise schon ein Jahr im Voraus fixieren.

Glaubst du, dass Veränderungen in deinem Privatleben auch Veränderungen in deinem Schaffen hervorgerufen haben?

Absolut und immer! Еin Maler ohne intensives emotionales Leben könnte schwer starke Kunst machen. Bei der Malerei lässt sich dies besonders gut spüren – deine Innenwelt.

In welcher Phase bist du jetzt?

Die Liebe als eine Form der Streuung... Du schöpfst davon und gibst sie hin, streust sie… Sie ist etwas Starkes und Ungeheures – eine unendliche Quelle der Inspiration… Die Inspiration – was ist sie? Vermutlich ist sie als eine Energieform so stark wie die Liebe. Ich habe das Bedürfnis, zu malen, nicht nur wenn ich verliebt bin, sondern wenn ich inspiriert bin. Also ist diese mächtige Energie der Inspiration von derselben Art wie die Liebe. Wenn es dir gelingt, dich mit ihr zu verbinden, ist das etwas Unglaubliches. Und zwar nicht bloß als ein Erlebnis – die Kunstwerke, die daraus entstehen, haben eine besondere Ausstrahlung!

Glaubst du, dass auch das Leiden mit der Inspiration verbunden ist?

Jа, sämtliche emotionalen Zustände lassen sich mit der Inspiration vereinen und würdige Kunstwerke entstehen.

Was möchtest du mit deinen Bildern in den Menschen berühren?

Die Harmonie.

Wie erschaffst du ein Bild – die Idee dafür ist in deinem Kopf gereift, bevor du es beginnst, oder kristallisiert sich das erst im Laufe des Malens heraus?

Beides. Im Laufe der Arbeit lasse ich immer das Bild selbst sаgen, was es will. Es mag etwas ganz Anderes sein, das ich zuvor nicht gesehen habe, indem ich von der Idee ausgegangen bin. Im Laufe der Arbeit, in Augenblicken, wenn dein Bewusstsein ausgeschaltet ist, und die Idee nicht mehr in deinem Kopf ist, sondern du nur das Bild betrachtest, entdeckst du dann auch die Kommunikation damit. Und wenn es dir etwas zu sagen hat, dann spricht es auch zu dir [schmunzelt].

...Manche Bilder reifen unheimlich schnell, andere unheimlich langsam. Bei manchen Bildern brauche ich einfach technisch viel mehr Zeit. Meine letzten Sachen etwa reiften fast ein Jahr lang. Ich sah, was ich machen wollte, aber ich wusste nicht, wie es sich technisch realisieren lässt. Bis es irgendwann einfach klappte.

Mit welchen Materialien arbeitest du am liebsten?

In der Malerei arbeite ich am liebsten mit Öl. Mit Acryl probierte ich es einmal, es war aber nur kurz [lächelt]. Das ist eine künstliche Farbe, sie hat nicht das Leben inne, das eine Ölfarbe hat – das Öl ist nämlich eine organische Farbe -, die Wirkung ist total verschieden. Der Ausdrucksrahmen, den es einem technisch gibt, übertrifft enorm die Eigenschaften des Acryl. Das Öl trocknet zwar in der Tat sehr langsam, doch denke ich, jeder Künstler sollte die Geduld haben, wenn er eine zeitlose, qualitative Kunst schaffen will. Ich arbeite auch mit graphischen Materialien – ich mag Tusche sehr gern, sowie auch Bleistift. Mit dem größten Vergnügen arbeite ich damit, weil es einfach sehr schnell geht. Während mich ein Ölbild mindestens eine Woche kostet, wird eine Tuschearbeit –es kommt natürlich darauf an, wie groß sie ist – auch in zehn Minuten fertig. Das Endergebnis ist für einen Maler natürlich sehr wichtig. Die Freude, die man über ein vollendetes, zehnminütiges Werk spürt, ist unglaublich [lacht]. So schaue ich immer, dass ich das eine mit dem anderen kombiniere, dаmit ich nicht das Gefühl habe, es gäbe keine Bewegung.

Kombinierst du verschiedene Materialien?

Jа, etwa Tusche mit Textilfaser, die eine zusätzliche Struktur schafft; Pigmente mit Ölfarbe – das eine stammt vom anderen, doch sie geben verschiedene Strukturen; Bleistift mit Leinöl – es ergibt sich ein sehr schöner Effekt.

Du hast sehr schöne farbenfrohe Gemälde, während deine letzten Arbeiten vor allem im schwarz-weißen Ton gehalten, graphischer sind. Ist das eine neue Phase?

Wenn ich auf die allgemeine Entwicklung meiner Malerei einen Blick werfe, so ist das nicht zufällig und geht aus meinem früheren Entwicklungsweg hervor. Ich fing an, mit den Farben sehr expressiv zu arbeiten, ließ mich von der Kombination zwischen ihnen, von der Erschaffung von Strukturen mitreißen... Am wichtigsten war mir die Wechselwirkung, und nicht die konkreten Farben. Deswegen habe ich auch keine Lieblingsfarbe. Am schönsten in der Malerei ist für mich die Kombination aus den Farben, die zusätzlichen Strukturen und zusätzlichen Schichten, die zu einem Reichtum, zu einem Riesenorchester führen. Auch die Suche des Körpers war für mich abstrakt. Er löste sich in all dieser Farbensymphonie auf. In der Folge – dabei sprechen wir von einem Entwicklungsprozess von ca. dreizehn Jahren – begann eine Konkretisierung des Körpers. So ergab sich bei mir eine interessante Entwicklung: Anfangs arbeitete ich konkret, dann durchlief ich eine surrealistische, danach eine minimalistische Periode, dann kam diese Explosion der Farben... Die Konkretisierung nun mag wohl eine Rückkehr sein, doch in einer ganz neuartigen Form. Weil ich meinen malerischen Ausdruck beibehielt, ihn jedoch minimalisierte. Praktisch ist das der konkretisierte Körper (mit abstraktem Charakter, aber teils realistisch) mit dem minimalisierten malerischen Ausdruck (bis zum schwarz-weißen Ton reduziert).

Welche sind die wichtigsten Eigenschaften eines guten Malers deines Erachtens?

Er soll beharrlich, diszipliniert und nicht faul, sein, er soll Geduld haben... Er soll auch leben können, d.h., auch die restliche Welt an sich heranlassen und damit glücklich sein können. Das ist sehr wichtig. Die zwischenmenschliche Beziehung ist eigentlich etwas sehr Schönes,... ganz Wichtiges.

Was für ein Mensch bist du dem Charakter nach?

Ich kann diese Frage sehr einfach beantworten. Ich wurde im März geboren, da ist das Wetter so: Es kann die Sonne scheinen, es kann regnen, es kann donnern, es kann der Wind wehen, es kann auch schneien. Und all das kann unheimlich schnell wechseln [lacht]...

Welche Aktivitäten planst du in naher Zukunft?

Im September nehme ich an einem Pleinair in Pöchlarn, Niederösterreich teil. Im November bin ich bei der art fair in Linz. Inzwischen erwarte ich, als Mitglied des Künstlerhauses aufgenommen zu werden. Und im Dezember nehme ich an einer Gruppenausstellung in der Kleinen Galerie (wo?) teil. Danach, also im Frühjahr 2009, planen wir eine bulgarische Gruppenausstellung im Parlament. Weiters kann ich mir aber auch eine vorweihnachtliche Ausstellung in meinem Atelier gut vorstellen [lächelt].