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Stefan Stoev

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Buchauszug: Kurzfassung -  Online-Version

© IDEA Society

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

Vorwort 4

Einleitung und Danksagung  6

Aktives Gedenken  8

I. Aller Anfang ist schwer oder Anlaufschwierigkeiten mit Happyend  10

II. Eine 360° Drehung durch das Museum   11

III. Die Gedenkdiener haben viele Freunde  34

IV. Was der Mensch von sich kennt, ist sein Spiegelbild  59

V. Reise in dir Vergangenheit - Rückblicke  69

VI. Zusammenhänge  80

VII. Zurück nach Österreich  90

Schlusswort 91

 

 

 


Vorwort

Christoph Meran[1]

 

Die Idee eines Leitfadens für österreichische Gedenkdiener in den USA, die Stefan Stoev mit dieser Publikation verwirklicht hat, ist ausgezeichnet. Aus seinen mit großer Hingabe zusammengestellten Interviews mit Zeitzeugen und tagebuchartigen Schilderungen spricht der Drang, das Erfahrene festzuhalten, es zu verarbeiten und weiterzugeben. Der ungefähr vierzehn Monate dauernde Zivildienst, den junge Österreicher an verschiedenen Holocaust Gedenkstätten in der Welt verbringen - mit großem Einsatz und geringen finanziellen Mitteln, gehört zu den prägendsten Erfahrungen im Leben dieser jungen Freiwilligen.

 

In meinen sieben Jahren als Mitarbeiter der österreichischen Botschaft in Washington D.C. hatte ich die Gelegenheit, fünf aufeinander folgende Gedenkdiener kennenzulernen, die ihren Dienst am US Holocaust Memorial Museum versehen haben.  An meinen Begegnungen mit ihnen hat sich gezeigt, dass der persönliche Kontakt mit Zeitzeugen und Überlebenden der Shoa, das Kennenlernen ihrer persönlichen Schicksale die viel einschneidendere Erfahrung war, als es eine rein theoretische Beschäftigung mit dem Dokumentationsmaterial des Holocaust je sein kann. Der letztes Jahr verstorbene große Historiker Gordon Alexander Craig hat genau das gemeint, als er immer wieder sagte, man müsse geschichtliche Ereignisse anhand von Persönlichkeiten verstehen und nicht die Umstände allein, sondern viel mehr die Akteure in den Vordergrund stellen.

 

Neben der seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts verbindlichen Holocausterziehung an Österreichs Schulen ist der Gedenkdienst an Holocauststätten daher wesentlich. Er schärft die Sensibilität für jede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung und ermutigt zum Widerstand gegen gefährliche politische Strömungen.  Jeder Gedenkdiener, gleichgültig ob er in Washington, New York, Los Angeles oder Richmond seinen Dienst versehen hat, wird im Angesicht menschlicher Ungerechtigkeit eine mahnende Stimme in sich spüren und das Andenken an diesen oder jenen Menschen revue passieren lassen können, den er an einer der Gedenkstätten kennen gelernt hat. Das 21. Jahrhundert wird noch genügend Herausforderungen an uns stellen, an denen wir unseren Gerechtigkeitssinn testen werden können.

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang eine persönliche Erfahrung erzählen, die mich stark geprägt hat. Ich hatte einen Freund, ein gebürtiger Wiener, der als Mitglied einer Spezialeinheit der britischen Truppen am D-Day hinter den feindlichen Linien in Frankreich per Fallschirm und mit einem Fahrrad abgeworfen wurde. Er und seine jüdischen Mitstreiter waren dem Holocaust entkommen und hatten es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Hitler zu besiegen. Sie hatten sich in England, mit neuen Identitäten ausgestattet, zu Spezialeinheiten  ausbilden lassen, die für lebensgefährliche Einsätze vorgesehen waren. Ein Drittel der ungefähr 85 Mitglieder dieses Spezialtrupps überlebte den Einsatz am D-Day in Frankreich nicht.

 

Mein Freund zeichnete sich durch großen Optimismus und ungebrochene Lebensfreude aus, trotz schlechten Herzens und 83 Jahren. Ich fragte ihn, wie es ihm gelungen sei, im Angesicht der Erniedrigungen und Verluste, die seine Familie im Holocaust hinnehmen musste, eine so positive Haltung und Lebenseinstellung zu bewahren. Er sagte: “Aus zwei Gründen: Weil ich das getan hatte, was meine innere Stimme mir gebot. Und weil ich es mir zur Lebensmaxime gemacht habe, heiter auch im Angesicht der größten Not zu bleiben.”

 

Diese Sätze haben sich mir eingeprägt und ich hoffe, dass alle Gedenkdiener, die aufgrund ihres freiwilligen Einsatzes an Holocaust Gedenkstätten in die dunkelsten Winkel der menschlichen Grausamkeit geblickt haben - oder dies noch vor sich haben - ihre Erfahrungen im Sinne dieser Äußerungen nützen werden und dabei ihre Heiterkeit nicht verlieren.


 

Einleitung und Danksagung

 

Im Mittelpunkt dieses Buches ist die zwischenmenschliche Beziehung gestellt. Das Buch bildet eine Kommunikationsplattform zwischen den Generationen von Vertriebenen und der dritten Nachweltkriegsgeneration. Für manche Zeitzeugen ist der Kontakt mit den Gedenkdienstleistenden die erste Kontaktaufnahme zu deren Heimat. Für Jugendliche ist dieser Kontakt eine wertvolle Erfahrung und Einblick in geschichtliche Ereignisse. Diese Berührung führt zu vielen interessanten gegenseitigen Eindrücken von denen manche Eingang in diesem Buch gefunden haben.

 

Seit 1993 sind österreichische Gedenkdienstleistende durchgehend in Washington vertreten[2]. Während dieser Zeit wurden zahlreiche Freundschaften und traditionelle Beziehungen zu österreichischen Emigranten und Zeitzeugen in der Umgebung Washingtons geschlossen. Seit dem ersten Einsatz eines Gedenkdieners hier in Washington ist der Aufgabenbereich am United States Holocaust Memorial Museum um eine Reihe von Tätigkeiten gewachsen. Die verantwortungsvolle Forschungsarbeit in der Historikerabteilung bzw. im Archiv ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Die persönliche Freundschaft zu den hier lebenden Österreichern ist eine soziale Tätigkeit, die mittlerweile von vielen Menschen hoch anerkannt und geschätzt wird.

 

Begleitend zu meiner Arbeit habe ich mich entschlossen, persönliche Eindrücke und Erfahrungen, die ich während des Gedenkdienstes gesammelt habe, aufzuschreiben. Ich empfand es für wichtig, dies schriftlich zu tun, damit sich jeder am Gedenkdienst in Washington Interessierte ein Bild von unserer Tätigkeit hier machen kann. Ich hoffe, dass auch manche Jugendliche durch dieses Buch zu einem Gedenkdienst oder einem anderen Sozialdienst angeregt werden.

 

Meine Erlebnisschilderung soll künftigen Interessenten die Gelegenheit geben, einen tieferen Einblick in die Einsatzstelle zu erhalten. Darüber hinaus kann sie ein besseres Verständnis für das Gesamtumfeld, d. h. auch für die Stadt Washington und die USA im Allgemeinen, schaffen. Das Buch könnte somit auch als Leitfaden herangezogen werden, um sich auf den möglichen Einsatz in Washington vorzubereiten.

 

Das Schreiben gab mir persönlich die Möglichkeit, diese aufregende Zeit zu verarbeiten und nochmals zu erleben. Die letzten vierzehn Monate bezeichne ich als eine unvergessliche Erfahrung fürs Leben...

 

Ich möchte mich bei allen Bedanken, die an diesem Buch mitgeschrieben und mitgearbeitet haben.

 

Bedanken möchte ich mich insbesondre bei den österreichischen Zeitzeugen, die mich in ihren Freundeskreis aufgenommen haben und mir Zugang zu ihren Lebensgeschichten gaben. Meinen aufrichtigen Dank möchte ich an Susanna und Felix Yokel aussprechen, die mich wie ein Familienmitglied behandelten und mit denen ich viele schöne Feste feiern durfte, unter anderem Pesach[3]. Danke an Marie und Kurt Heinrich für die interessanten Gespräche und für die gemeinsamen Kunststunden. Danke an Regina Espenshade und Gene Hix, ohne deren Freundschaft und Unterstützung ich mir in Washington in mancher Hinsicht verloren vorgekommen wäre. Danke an George Czuczka, der mich zum Schreiben motiviert, und immer wieder ermutigt hat, dieses Buch fertig zustellen.

 

Danke am meine Kollegen im Museum. Ich habe von meinem Vorgesetzten Peter Black sehr viel gelernt, er hat immer für die Angelegenheiten des Gedenkdienstes und für mich persönlich Zeit gefunden und mich in jeglicher Hinsicht unterstützt. Danke an meine Kollegen und Freunde Patricia Heberer, Severin Hochberg, Theresa Dowell, Vadim Altskan, Steven F. Sage, Michael Gelb, Jürgen Matthäus, Bruce Tapper, Flora Singer und Gerald Schwab.

 

Nicht zuletzt möchte ich mich bei der Initiative Gedenkdienst herzlichst bedanken, durch die ich die Möglichkeit hatte, diese wertvolle Erfahrung zu machen. Je mehr ich mich in meine Tätigkeit eingelebt habe, desto mehr lernte ich diese zu schätzen. Der Gedenkdienst gab mir die einzigartige Gelegenheit, mich aus dem alltäglichen Leben herauszudenken und meinen Blick auf etwas zu richten, worauf ich heute stolz sein kann. Ich habe Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, die meine Wertvorstellungen verändert haben und meinen weiteren Weg bestimmt wesentlich prägen werden.            

 

 

Danke Herzlich, Stefan


 

Aktives Gedenken

Die Bedeutung der Vergangenheit für die Zukunft liegt im Erkennen von Zusammenhängen

Gregor Ribarov[4]

 

GEDENKDIENST ist eine politisch unabhängige Organisation, die sich mit den Ursachen und Folgen von Faschismus, Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzt. Unser Augenmerk gilt insbesondere der Rolle von ÖsterreicherInnen als Täter, Mitläufer und Zuschauer. Zugleich richten wir unseren Blick auf die oft vergessenen Geschichten jener ÖsterreicherInnen, die vom NS-Regime verfolgt, vertrieben, ermordet wurden.

Zwar mag in den letzten Jahren verstärkt eine öffentlich-politische Auseinandersetzung damit stattgefunden haben, so kratzt sie doch nur an der Oberfläche dieses „Meeres an Geschichten“[5]. Mit medienwirksamen Inszenierungen scheint es zwar möglich einen Großteil der Bevölkerung zu erreichen, jedoch muss klar sein, dass man größeren Zusammenhängen einer- und persönlichen Schicksalen andererseits nicht gebührend gerecht werden kann. Gerade das Gedankenjahr 2005 hat gezeigt, wie einfach es ist, in unreflektierte Bauchpinselei zu verfallen anstatt einen produktiv-kritischen Diskurs zu führen.

Dass es keinen Bedarf an einer solchen aktiven Erinnerungspolitik gäbe, kann als Ausrede nicht herhalten. Seit 1992 haben an die zweihundert Mitglieder unseres Vereins, unter durchaus widrigen Bedingungen an zahlreichen Einrichtungen, die auf die eine oder andere Art Ursachen und Wirkungen des Holocaust thematisieren, in 13 Ländern einen Gedenkdienst geleistet. Zahlreiche junge Interessenten zeigen weiterhin, dass es Ihnen wichtig ist sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und in der Konsequenz für die Gegenwart gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufzutreten.

Aktives Erinnern ist allerdings, um nicht in Illusionen zu verfallen, keine leichte Angelegenheit sondern ein Prozess, der hohe Anforderungen an jene stellt, die sich entschließen das bereits proklamierte Meer an Geschichten befahren zu wollen. Persönliche Schicksale und Lebensgeschichten werden wie ein Mosaik aus unzähligen Details geformt und sind derart vielschichtig, dass sie sich einer Bewertung oder Klassifizierung weitestgehend entziehen[6].  Sich mit ihnen zu beschäftigen braucht vor allem Zeit und einen entsprechenden Rahmen. Nur so ist auch das Erkennen von größeren historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen möglich, die einmal gewonnen, auch in der Gegenwart Orientierung geben können. Um die Bereitstellung dieses Rahmens bemüht sich GEDENKDIENST nun seit über 10 Jahren erfolgreich. Vor allem das positive Feedback der zahlreichen Überlebenden die mit Gedenkdienstleistenden an den verschiedenen Einsatzstellen in Kontakt treten bestätigen unsere Arbeit. Für viele ist es eines der wenigen späten Zeichen von Anerkennung und nicht zuletzt auch eines Gesinnungswandels, dass sich junge Österreicher der dritten und vierten Generation mit ihrer Geschichte und der Täterrolle Österreichs beschäftigen.

Eine derart profunde und eingehende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wirkt sich auch auf die Gegenwart aus. So sind viele ehemalige Gedenkdienstleistende ehrenamtlich oder sogar beruflich in zahlreiche zeitgeschichtliche Projekte involviert, so auch im Verein. GEDENKDIENST bietet allen Interessierten eine Plattform für inhaltliche Diskurse, u.a. durch die Veranstaltung von Tagungen und Studienfahrten sowie die Vortragsreihe „Ge-Denken“, aber auch einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift. Dabei stehen durchaus auch brisante aktuelle Themen im Mittelpunkt, wie beispielsweise zuletzt die Situation der slowenischen Minderheit in Kärnten[7].  Damit wollen wir einen Beitrag zu einer kritischen Gesellschaft leisten, die die Idee des „Lernens aus der Geschichte“ noch nicht aufgegeben hat, sondern mit tatsächlichem Engagement untermauert.

Eine Form dieses Engagements halten sie soeben in ihren Händen. Stefan Stoev hat mit dieser Publikation sein Ziel verwirklicht, interessierten Außenstehenden einen authentischen Einblick in die Arbeit der Gedenkdienstleistenden zu geben. Gleichzeitig ist es auch eine Einladung geworden sich auf eine Fahrt durch das Meer der Geschichten zu begeben und die hoffentlich von möglichst vielen LeserInnen angenommen wird.


 I. Aller Anfang ist schwer oder Anlaufschwierigkeiten mit Happyend

 

Die Vorbereitungen für meinen Aufenthalt und Arbeitseinsatz in Washington waren alles andere als einfach. Ich war nicht nur Tag und Nacht damit beschäftigt, meine Wohnung in Wien aufzulösen und meine, sich über die Jahre zusammengestauten Sachen bei Freunden und Verwandten unterzubringen; nein, ich erfuhr am US-Konsulat auch völlig unerwartet, dass mein Antrag auf ein Visum abgelehnt worden war. Das traf mich wirklich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Warum plötzlich abgelehnt? Eine Kooperation die über so viele Jahre reibungslos verlaufen war, stieß gerade jetzt auf eine bürokratische Hürde. Ich stand da wie im Regen ohne Schirm, alles andere hatte ich schon hinter mich gebracht: meinen Job gekündigt, meine Wohnung aufgelöst, in Washington eine Wohnung angemietet, mein Flugticket gekauft, und jetzt... Jetzt stand ich da, vor einem Dilemma und der alles entscheidenden Frage, wie es denn nun weitergehen soll.

 

Die Nerven, die ich bei der Klärung der Angelegenheit in den folgenden Tagen verlor, und die grauen Haare, die mir daraus wuchsen, sind zwar nicht mehr zu ersetzen, doch Ende gut, alles gut. Durch den großen persönlichen Einsatz und die sehr aktive Unterstützung seitens des GEDENKDIENSTES und des Museums in Washington, denen ich zu größtem Dank verpflichtet bin, erhielt ich dann letzten Endes doch ein Visum. Mein Kollege Dominik Aschauer, der seinen Dienst im Leo Baeck Institut in New York ableisten sollte, hatte weniger Glück, bekam dann jedoch die Möglichkeit, im Jewish Cultural Center in London seinen Dienst abzuleisten.

 

Durch all den organisatorischen Stress fiel das Abschiednehmen eher kurz aus. Meine Eltern gaben mir noch ein paar unerlässliche Ratschläge mit auf den Weg und meine Freunde versprachen mir zu schreiben. Jetzt aber los, Amerika, ich komme!

 

***

 

Die Anreise und der erste Eindruck

 

 

Ich konnte es kaum erwarten, meinen Dienst anzutreten. So legte ich meine Anreise auf den 22. Juni fest, also auf gute dreieinhalb Wochen vor meinem offiziellen Dienstantritt. Dadurch hatte ich genügend Zeit, um Organisatorisches zu erledigen.

Als ich am Washington Dulles International Airport (IAD) ankam, regnete es in Strömen. Ich nahm den Blue Van- Shuttlebus, der mich direkt zu der Adresse brachte, wo ich die nächsten vierzehn bzw. fünfzehn Monate verweilen sollte. Die Fahrt dauerte lang, und durch den starken Regen konnte man vom Bus aus nichts von der Stadt erkennen, um erste Eindrücke zu sammeln. Es war später Nachmittag, ich war vom langen Flug sehr müde, meine Augen waren von der künstlichen Belüftung im Flugzeug völlig trocken und rot, und ich hatte das Gefühl, Sand in den Augen zu haben. Und doch war ich durch die Aufregung voller Energie. Nach fast zwei Stunden endlos erscheinender Fahrt teilte mir der Fahrer mit, dass wir angekommen wären. Ich schnappte meine Koffer, die kaum zu tragen und vollgestopft mit allen möglichen Sachen waren. Es waren jede Menge Dinge in diesen Koffern, die ich glaubte, für meinen einjährigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten zu brauchen. Da stand ich nun, auf einer schönen grünen Strasse, vor einem dreistöckigen Haus im viktorianischen Stil. Meine Freunde, die für mich die Wohnung organisiert hatten und im ersten Stock desselben Hauses wohnten, empfingen mich sehr herzlich. Sie gaben mir den Schlüssel für meine neue Wohnung und ich ging in das dritte und oberste Stockwerk hinauf. Als ich die Tür öffnete, fühlte ich mich in die Anfänge meiner Studienzeit zurückversetzt:

Die Wohnung glich einem kleinen Hotelzimmer, war mit einer winzigen Küche und einem Abstellraum ausgestattet, und bestand aus einem Badezimmer mit verrosteten Rohren und kaputter Toilette. Ich habe zwar viel investieren und renovieren müssen, um das Appartement angenehm sauber - ja sogar einigermaßen gemütlich - zu machen, doch das war wohl der Mindestaufwand, den ich betreiben musste, um mich in einer guten Wohngegend niederzulassen.

Mit der Zeit wurde mir auch eindeutig bewusst, in welch hervorragender Lage sich die Wohnung befand. Die kleine Wohnung an der Ecke Corcoran und 15. Strasse war nur ein paar Minuten vom berühmten Dupont Circle entfernt und lag ganz in der Nahe vom historischen Stadtteil Georgetown; das Weiße Haus war nur einige Blocks die Straße runter und das USHMM[8] konnte man zu Fuß in weniger als einer halben Stunde erreichen.

Wie erwähnt, hatte ich mit der Wohnung großes Glück, denn es ist in Washington DC nicht nur schwierig, eine gute und zugleich günstige Wohnung zu finden, es ist außerdem auch sehr herausfordernd, den unzähligen Anforderungen nachzukommen, die man erfüllen muss, um überhaupt eine Wohnung mieten zu dürfen. Im Prinzip braucht man für alles, was meldepflichtig ist, wie z. B. die Wohnung, das Konto und das Telefon, eine Sozialversicherungsnummer, auf die wir mit unserem Status als österreichische Gedenkdiener nun mal keinen Anspruch haben. Dazu kommen noch Begriffe wie Bonitätshistorie, Miethistorie und, und, und...; Dinge, die nur Kopfschmerzen bereiten, denn jemand mit befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann dies alles nicht aufweisen. Die Wohnungssuche ist für die Gedenkdiener stets ein Abenteuer mit offenem Ausgang, und die steigenden Mietpreise machen dieses Abenteuer noch spannender.

 

 

 

II. Eine 360° Drehung durch das Museum

 

 

 

Schmetterlinge im Bauch zum Dienstantritt

 

 

Als ich mich auf dem Weg zum Museum machte, um mich meinen zukünftigen Kollegen vorzustellen, war ich sehr aufgeregt. Am Touristeneingang des beeindruckenden Gebäudes auf der 14. Strasse fand ich mich vor einer riesigen Schlange von Besuchern wieder. Es war heiß wie in der Wüste und schwül wie im Regenwald, mir wurde durch die Aufregung und das lange, angespannte

 

 

 

Warten leicht schwindlig. Die Kontrollen, die man beim Betreten des Museumskomplexes durchlaufen muss, erinnern an die Sicherheitskontrollen auf einem Flughafen. Die Größe des Museums hat meine Vorstellungen mehrfach übertroffen. Ich ging zum Aufzug, um ins fünfte Obergeschoss zur wissenschaftlichen Forschungsabteilung hinaufzufahren. Christoph holte mich vor dem Aufzug ab und führte mich in die Abteilung. Dort stellte er mich meinen Vorgesetzten und Kollegen Peter, Patricia, Severin und Anna vor. Anna war damals als freiwillige Assistentin in der Historikerabteilung tätig. Ich wurde von allen so warm und herzlich empfangen, dass mein Lampenfieber rasch verging. Peter nahm sich sofort die Zeit, um mich in die Organisation der Abteilung und meine Tätigkeit einzuführen. Er stellte mich auch den anderen Kollegen vor. Mein Arbeitsplatz war ein klassisches Cubicle, ausgestattet mit einem Schreibtisch, einem Computer und einer Schublade, wie man es aus den amerikanischen Filmen kennt.

Einmal bat ich Peter um ein kurzes Gespräch, um über die Zusammenarbeit mit dem Gedenkdienst und über seine persönliche Erfahrung mit den Gedenkdienern zu sprechen.

 

***

 

Gespräch mit Dr. Peter Black, Senior Historian

Direktor der historischen Forschungsabteilung am

United States Holocaust Memorial Museum in Washington

 

 

 

 

Im April 1993 öffnete das Holocaust-Museum in Washington erstmals seine Türen. Noch im selben Jahr begann die Kooperation mit dem Gedenkdienst, und gleich darauf trat der erste Gedenkdiener Anton Legerer seinen offiziellen Zivilersatzdienst in Washington an.

Heute, zwölf Jahre später, bin ich der elfte Gedenkdiener, der - wie alle seine Vorgänger - in der historischen Forschungsabteilung unter der Leitung von Dr. Peter Black arbeitet. Dr. Black ist seit 1997 für die Gedenkdiener im Museum verantwortlich. In einem gemeinsamen Gespräch erzählt er von seinen Erfahrungen und Freundschaften mit den Gedenkdienern:

„Ich habe als ersten Gedenkdiener Helmut Prochart kurz vor seiner Heimfahrt kennengelernt“, erinnert er sich. „Damals war unsere Abteilung noch sehr klein. Es gab noch keine internationalen Forschungsprojekte und auch nur wenige Angestellte in unserem Bereich. Das Zentrum für höhere Holocaustforschung (Center for Advanced Holocaust Studies) war noch nicht eingerichtet, und wir waren eine Mannschaft von wenigen Leuten. Der Gedenkdiener war deshalb ein wichtiges Teammitglied, sowohl bei wissenschaftlichen als auch bei administrativen und organisatorischen Arbeiten. Als Thomas Huber, im April 1998, seine Tätigkeit bei uns aufnahm, hatte er die gleichen Kernaufgaben, die für seine Nachfolger bis heute unverändert geblieben sind:

Er hat sich am Museum mit der Beantwortung von Anfragen und mit Forschungsaufgaben befasst. Daneben führte er die Besucher und Delegationen, die von der österreichischen Botschaft vermittelt wurden, durch die Ausstellungen. Darüber hinaus pflegte und intensivierte er die sozialen Kontakte zu österreichischen Zeitzeugen, die in die Vereinigten Staaten emigrierten und heute in der Umgebung Washingtons leben. Ein bedeutendes Projekt, bei dem er uns beispielsweise unterstützt hat, war die Verfassung der Bibliographie des Jüdischen Widerstandes. Thomas war der erste Gedenkdienstleistende, den ich während seines Dienstes von Beginn an betreute. Sein Nachfolger ab Mitte Juli 1999 war Roman Kopetzky. Er entwickelte sich zu unserer internen Computerfachkraft, denn er hatte zwar keine historischen Vorkenntnisse, war jedoch ein Experte im EDV-Bereich, wo er dann auch verstärkt zum Einsatz kam. Im Herbst 2000 kam dann Harald Schindler, der von Beruf Meteorologe war. Da ich damals keine administrative Unterstützung hatte, übernahm er diese Aufgabe und kam hervorragend damit zurecht. Als sein Dienst am 14. September 2001 endete, verzögerte sich seine Heimreise auf Grund des 11. Septembers. Sein Nachfolger war Roland Engel, der sich stark für die Angelegenheiten der Zeitzeugen engagierte. Der Schwerpunkt seiner Ausbildung lag im Personalwesen. Aus diesem Grund konnte er sehr gut mit anderen Menschen umgehen. Die Idee, seine Qualitäten gezielt einzusetzen, gab uns dann den Anstoß, die Gedenkdiener künftig auch in die Arbeit anderer Abteilungen zu involvieren. Auf Roland folgte Paul Schiefer, von Beruf Journalist. Durch seinen Beruf war er sehr gut organisiert und brachte den Fokus des Gedenkdienstes wieder zurück auf die Arbeit an der historischen Forschungsabteilung. Nach ihm kam dann dein Vorgänger Christoph Köttl. Er hatte ja Geschichte studiert und war in unserem Umfeld zu Hause. Er zeigte Begeisterung für die Militärgeschichte und leistete einen großen Beitrag bei der Forschung zum Thema KZ-Befreiung durch US-Militäreinheiten.

Deine eindeutige Stärke, Stefan, sind deine Sprachkenntnisse. Aus diesem Grund wurdest du auch in die Arbeit der Archivabteilung so intensiv eingebunden, wodurch du das Profil des Gedenkdieners um eine weitere Kompetenz erweitert hast.“

Im Laufe unseres Gesprächs musste ich daran denken, wie ich vor einem Jahr meinen Dienst antrat. Ich musste auch an die Vorbereitungszeit zurückdenken. Damals haben wir in einer großen Gruppe Studienreisen nach Theresienstadt und Auschwitz unternommen und zahlreiche Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Mein Nachfolger trifft bald ein, um hier in Washington meine Aufgaben zu übernehmen und fortzusetzen. Die Zeit ist schnell vergangen, doch die Erinnerung bleibt für das ganze Leben. Ich habe eingesehen, dass die Geschichte ein sehr dynamisches Thema ist, dessen Verständnis von der jeweiligen Generation abhängt. Deshalb empfinde ich es als wichtig, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, um diese besser zu verstehen und aus ihr für die Zukunft zu lernen.

Zum Abschluss unseres Gesprächs fügte Peter noch hinzu:

„Ich begrüße die positive Alternative zum Militärdienst durch die Ableistung eines Gedenkdienstes an einer Holocaustgedenkstätte. Deshalb bemühen wir uns auch bei den Aufgabenstellungen an die Gedenkdiener um eine gewisse Flexibilität, damit das Anforderungsprofil an die persönlichen Qualifikationen angepasst werden kann und keine Barriere für die Kandidaten darstellt. Wir begrüßen die Zusammenarbeit sehr und freuen uns auch weiterhin auf eine gute Kooperation.“

 


 

***

 

 

Das Holocaust-Museum wurde am 26. April 1993 eröffnet. Der erste offizielle Besucher war der Dalai Lama. Heute[9] zählt das Museum über 22 Mio. Besucher aus aller Welt, darunter 7,5 Mio. Kinder und 2700 offizielle Delegierte aus 130 Ländern. Als ich das riesige Gebäude das erste Mal betrat und die Sicherheitskontrolle passierte, richtete sich mein Blick auf die vielen Fahnen der Befreiungsarmeen, die wie Soldaten in einer Reihe vor mir standen. Ich machte ein paar unsichere Schritte, umfangen von einem Gefühl der Desorientierung. Die massiven Stahlsäulen und protzigen Steinmauern übten eine besondere Kälte auf mich aus. Der Architekt James Ingo Freed wollte eine architektonische Beziehung zwischen dem Gebäude und den sich darin befindenden Ausstellungen schaffen. Im Jahr 1980 gab der Amerikanische Kongress dem USHMM den offiziellen Status einer permanenten Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts. Der Auftrag zur Errichtung des Museums - das zunächst als Denkmal vorgesehen war - wurde von Präsident Jimmy Carter gegeben.

 Das USHMM befindet sich zwischen der 14. und 15. Strasse in der Nähe der Independence Avenue und ist von beiden Seiten zugänglich. Das Museum besteht aus zwei miteinander verbundenen Gebäuden. Aus der Vogelperspektive betrachtet, erinnern die spitzen Türme, die in zwei Viererreihen errichtet worden sind, an die Wachtürme eines KZ. Auf der Westseite am Eisenhower-Platz befindet sich das sechseckige Annexgebäude, dessen Dach die Form einer Pyramide hat. Darin befindet sich die Hall of Remembrance, das amerikanische Nationaldenkmal für die Holocaustopfer:

 Im Inneren des Raumes sind auf Granitwänden die Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager nachzulesen. Kerzenlichter erhellen den Raum von allen Seiten. Säulen aus Kalkstein bilden einen engeren Kreis um den Raum, in dessen Zentrum die ewige Gedenkflamme brennt. In die Kalkwände sind verschiedene Epitaphen eingemeißelt. Die Gedenkstätte ist von einer sechseckigen Glaspyramide in Form eines Wintersterns überdacht, durch die der Raum mit Sonnenlicht erfüllt wird.

In der Hall of Remembrance finden regelmäßig Feierlichkeiten und Ansprachen von bedeutenden Politikern aus aller Welt statt. Im Laufe meiner Dienstzeit durfte ich den Besuchen der Staatspräsidenten von Rumänien, Traian Basescu, und der Ukraine, Viktor Juschtschenko, beiwohnen.

Wenn man das Museum durch einen der beiden Eingänge betritt, befindet sich der Besucher zunächst in der Hall of Witness. Als erster Anlaufpunkt dient der Information Desk, an dem Auskünfte über die einzelnen Ausstellungen und das Umfeld des Museums gegeben werden:

Jeden Donnerstag hilft unsere Historikerabteilung am Informationsstand in der Hall of Witness aus. Mir bereitet diese Tätigkeit besondere Freude, denn dabei habe ich die Möglichkeit, mit Zeitzeugen, die als Freiwillige den Visitor Service-Bereich unterstützen, zusammenzuarbeiten. Hierbei lernt man Menschen aus aller Welt und aus den verschiedensten Kulturen kennen und wird dabei auch mit den eigenartigsten Fragen konfrontiert, auf die man zu Antworten wissen muss. Ich betrachte diese zwischenmenschliche Interaktion als eine große Bereicherung.

Auf derselben Ebene ist die Kinderausstellung Daniel’s Story: Diese versetzt die Besucher in die Rolle des achtjährigen Daniels, der gemeinsam mit seiner Familie die Härte und die Gräuel eines Arbeits- bzw. Konzentrationslagers erfährt, und aus seinem Tagebuch von den Ereignisse aus dieser Zeit berichtet.

Wenn sich der Besucher von der Hauptebene ins Untergeschoss des Museums begibt, kommt er zu den temporären Ausstellungen. Zur Zeit hat er dort die Möglichkeit, die Ausstellung Deadly Medicine zu besichtigen:

Darin wird das Thema Rassenpolitik mit Hilfe von Eugenik behandelt. Getrieben durch ihre rassistische Ideologie, wurde von deutschen Wissenschaftlern die Überlegenheit der Deutschen Rasse propagiert.  Um das nationale Interesse zu wecken, bezeichneten Sie die Thematik der Bedrohung durch andere Rassen als eine Gefahr für die "Gesundheit" der Nation. Auf diesen Theorien baute die nazi-deutsche Regierung ihre politischen Maßnahmen auf. Teile des vorgeführten Filmmaterials erinnerten mich sehr stark an Kurt Gerons[10] Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“.


 

 

***

 

Beitrag von Bruce Tapper, Senior Editor an der Publikationsabteilung am USHMM

 

 

   Ich lernte Stefan zum ersten Mal kennen, als ich an dem Übersetzungsprojekt für den Museumsführer arbeitete. Dabei ging es darum, die englischsprachige Informationsbroschüre in neun weitere Sprachen zu übersetzen. Als Redakteur an der Publikationsabteilung des Museums nahm ich die Vorversion des deutschen Textes, die bei einer auswärtigen Übersetzungsagentur in Auftrag gegeben worden war, mit zur Einsicht. Unser Abteilungsleiter hatte daran einige Änderungen vorgeschlagen.

 

   Dies war das erste Mal, dass eine Museumspublikation auf Deutsch herausgegeben wurde, und aus diesem Grund wollten wir auch jegliche Fehler vermeiden. Mir ging es darum, in allen Übersetzungen einheitliche Information zu vermitteln.

  

   Stefan war gerade in Washington angekommen und wurde von seinem Vorgänger Christoph Köttl in seinen Tätigkeitsbereich eingeführt. Ich hielt es für eine gute Idee, zunächst von deutschen Muttersprachlern eine Meinung zur Übersetzung einzuholen.

 

   Die Broschüre beschreibt die Aufgaben des Museums und gibt einen Überblick über dessen einzelne Ausstellungen und Einrichtungen. Beim Einblick in das englische Original schlugen Stefan und Christoph gemeinsam Änderungen an der deutschen Version vor. Später, nachdem diese Änderungen durchgeführt worden waren, überprüfte Stefan noch einmal die Wortstellung und bemerkte weitere grammatikalische Fehler.

 

   Am Ende wurde das Dokument vom Abteilungsleiter genehmigt und der gedruckte Prospekt wurde bei unseren deutschsprachigen Besuchern sehr beliebt.

 

   Nach dieser ersten Bekanntmachung und meinem ersten gemeinsamen Projekt mit Stefan schlossen wir Freundschaft und entdeckten gleichzeitig, dass wir viele gemeinsame Interessen hatten, wie beispielsweise die Kunst, das Reisen und die Leidenschaft über verschiedene Kulturen zu lernen.

 

   Neben meinem Abschluss als Journalist habe ich auch ein Doktorat in sozialer Anthropologie, mit dem Schwerpunkt Süd-Asien. Darüber hinaus habe ich in zahlreichen fremden Ländern gelebt. Ich komme an jedem Freitag ins CAHS[11] zu einem informellen Yiddish-Studienkreis, und schaffte es, auch Stefans Interesse dafür zu wecken. Er nahm auch an einigen unserer Seminare, in denen wir holocaustbezogene Artikel lesen und übersetzen, teil.

 

   Das Alphabet stellt sicherlich eine Herausforderung da, doch das Vokabular ist dem Deutschen sehr ähnlich. Stefan nahm sogar seinen Nachfolger Christian Url mit, der sich auch einigen unserer informellen Sitzungen anschloss.

 

   Stefans Dienstzeit am USHMM ist sehr rasch vergangen, und nun kehrt er wieder zurück in seine Heimat Österreich. Ich weiß bereits heute, dass ich unsere Mittagsdiskussionen vermissen werde. Doch ich weiß auch, dass ich jetzt einen guten Freund in Wien habe.

 

 

***

 

Einblick in die Archivarbeit und Zusammenarbeit

 

Durch die Übersetzungstätigkeit habe ich an zahlreichen Dokumenten aus dem Museumsarchiv gearbeitet, die von der internationalen Archivabteilung (International Archival Programs Division - IAPD) zur Verfügung gestellt wurden. Die Aufgabe der IAPD ist es, die Beweismaterialien aus der Zeit des Holocaust zu aquirieren. Diese Materialen dienen der Holocaustforschung am Forschungszentrum des Museums - CAHS.  Das Zentrum betreibt eine Reihe von Aquisitionsprogrammen, kooperiert mit über 50 Ländern weltweit und ergänzt dadurch den Archivbestand des Museums jährlich um zwei Millionen Seiten. Als Ergebnis dieser Programme entwickelte sich das Museum rasch zur weltgrößten und meist konsultierten Quelle für Holocaustdokumentation.

 

Über die Zusammenarbeit mit der IAPD lernte ich meine beiden Freunde Anatol und Vadim kennen:

 

 

***

Bratushka Stefan

Beitrag von Vadim Altskan[12], über unsere Gespräche und die entstandene Freundschaft

 

Ich lernte Stefan im September 2004 kennen, ein paar Monate nachdem er seinen Dienst als Gedenkdienstleistender im Museum begonnen hatte. Es war uns vorausbestimmt gute Freunde zu werden, einerseits wegen unserer verwandten Herkunft (Bulgarischer und Russischer), aber vielmehr auf Grund unserer gemeinsamen Interessen in Geschichte, Kunst, Musik, Politik und Reisen.

 

 

 

 

Im Museum beriet sich Stefan mit mir, wenn er an Russischen Dokumenten aus dem Archiv arbeitete, doch unsere Unterhaltungen erstreckten sich auch außerhalb der Arbeitszeiten. Wir haben Picknicks in den Dumbarton Oaks Gärten unternommen, wo Stefan gemeinsam mit meinem Sohn malte. Wir haben uns über verschiedene Kulturen unterhalten und uns Gedanken darüber gemacht, wie die Welt zu verbessern wäre. Ich besichtigte seine Bilderausstellung, an der St. Thomas Kirche, die er gemeinsam mit einem österreichischen Überlebenden organisiert hatte. Ja, Stefans Dienstzeit hat viele Erinnerungen zurückgelassen und wir werden ihn hier sehr vermissen. Doch ich habe ihm versprochen, dass wir uns wieder sehen werden und dieses Versprechen werde ich einhalten.

 

 

***

 

 

Anatol Steck ist gebürtiger Wiener und seit 1988 in Washington. Er hat an der Catholic University studiert, wo er 1995 ein  B.A. in General Studies machte und danach einen Masters in Library and Information Science belegte.

„Während meines Studiums war ich vollzeitig als Archivar an der Charles Sumner School Museum and Archives - einem historischen Kulturzentrum, Museum und Archiv - in Washington beschäftigt”, erzählt Anatol über sein Leben und seine Arbeit.

„Ich wollte schon seit der Eröffnung 1993 für das United States Holocaust Memorial Museum arbeiten.  Ich hatte das Glück, dass ich 1999 - kurz vor Abschluss meines Studiums - in der Bibliothek des Museums eingesetzt wurde. Diese zwei Jahre waren eine sehr lehrreiche Zeit.“

2001 wechselte Anatol in die internationale Archivabteilung. Dort ist er für die archivarischen Akquisitions- und Reproduktionsprojekte in Zusammenhang mit der Geschichte Österreichs, Israels und der Tschechischen Republik zuständig.

   „Ein besonders nennenswertes, aktuelles Projekt - auch was den Gedenkdienst betrifft - ist die Erfassung und Mikroverfilmung des Archivmaterials der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG Wien) in unser Archiv. Dieses Projekt wird in Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde in Wien und den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem durchgeführt.”

   Die holocaustrelevanten Bestände des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien bestehen aus zwei Archivkomponenten:

   Die erste Archivkomponente, die zirka 400.000 Seiten umfasst, wurde im Januar 2001 von einer Wohnung im 15. Wiener Gemeindebezirk in die Anlaufstelle es Internationalen Steering Committees, dem Komitee für jüdische NS-Verfolgte in und aus Österreich, überstellt. Dieses Archivmaterial, das durch die jahrzehntelange Lagerung in der Liegenschaft teilweise Wasserschäden aufweist und von Schimmel befallen ist, beinhaltet wichtige Namenskarteien und andere Informationsquellen zu jüdischen Opfern und Überlebenden des Holocaust in und aus Österreich.

Die zweite Archivkomponente besteht aus dem Jahrhunderte umfassenden Gesamtarchiv der IKG Wien, das nach dem Zweiten Weltkrieg von Wien nach Jerusalem - an die Central Archives for the History of the Jewish People - überstellt wurde. An die eine Million Seiten holocaustrelevanten Archivmaterials wurden durch Mitarbeiter der IKG Wien identifiziert und erfasst. Ein sehr wichtiger Teilbestand dieses Gesamtarchivs sind die so genannten „Auswanderungsfragebögen“. Jeder jüdische  Haushaltsvorstand musste ab Mai 1938 einen detaillierten Fragebogen ausfüllen, um das Land verlassen und der nationalsozialistischen Verfolgung entkommen zu können.

   Die Fragebögen wurden von den Nationalsozialisten für die systematische Vertreibung und Beraubung der österreichischen Juden und die Deportation der Zurückgebliebenen verwendet. Diese so genannten „Auswanderungsfragebögen“ bilden einen der umfangreichsten Bestände an Personendaten zu österreichischen Juden aus den Jahren 1938 und 1939.

   Mit insgesamt 1,4 Millionen Seiten sind die holocaustrelevanten Archivbestände der IKG Wien somit eine der vollständigsten und umfangreichsten Informationsquellen einer jüdischen Gemeinde zur Zeit des Holocaust.

   „Seit 2002 verfilmt die internationale Archivabteilung des United States Holocaust Memorial Museums in enger Zusammenarbeit mit der IKG Wien die Archivbestände Wiens. Seit 2004 wird dasselbe Projekt in Jerusalem umgesetzt. Die produzierten Filme werden ab Ende 2006 für Forscher zugänglich sein.”

 

 

 

  

Über seine Erfahrung mit den Gedenkdienern ergänzt er:

 

„Mit den Gedenkdienstleistenden tausche ich gelegentlich Informationen aus. Ab und zu gehen wir gemeinsam essen, treffen uns bei privaten Veranstaltungen und auch bei offiziellen Anlässen auf der österreichischen Botschaft.”

 


 

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Holocaust-Forschung als Beruf?

Beitrag von Jürgen Matthäus[13]

 

„Sie sind Historiker am Holocaust-Museum in Washington? Da haben Sie ja einen Traumjob!“

„Was, das sind Ihre Arbeitsfelder? Wenn das mal gut geht ...“

Zwei Stimmen, die die Spannbreite der Reaktionen aus dem weiten Kollegenkreis wiedergeben, sobald ich erwähne, wo und woran ich arbeite.

Wie so oft liegt die Wahrheit auch hier irgendwo zwischen den Extremen. Fest steht, dass mir meine Zeit am USHMM einzigartige Erfahrungen mit Menschen, Archivmaterial und Forschungsthemen gebracht hat, die ich keinesfal