Zeitbrücke
Generationskontakte
Geschichtseinblicke
Freundschaften
Stefan Stoev
Buchauszug:
Kurzfassung - Online-Version
Inhaltsverzeichnis
I. Aller Anfang ist schwer oder Anlaufschwierigkeiten mit Happyend
II. Eine 360° Drehung durch das Museum
III. Die Gedenkdiener haben viele Freunde
IV. Was der Mensch von sich kennt, ist sein Spiegelbild
V. Reise in dir Vergangenheit - Rückblicke
Christoph Meran[1]
In meinen sieben Jahren als
Mitarbeiter der österreichischen Botschaft in Washington D.C. hatte ich die
Gelegenheit, fünf aufeinander folgende Gedenkdiener kennenzulernen, die ihren
Dienst am US Holocaust Memorial Museum versehen haben. An meinen Begegnungen mit ihnen hat sich
gezeigt, dass der persönliche Kontakt mit Zeitzeugen und Überlebenden der Shoa,
das Kennenlernen ihrer persönlichen Schicksale die viel einschneidendere
Erfahrung war, als es eine rein theoretische Beschäftigung mit dem Dokumentationsmaterial
des Holocaust je sein kann. Der letztes Jahr verstorbene große Historiker
Gordon Alexander Craig hat genau das gemeint, als er immer wieder sagte, man
müsse geschichtliche Ereignisse anhand von Persönlichkeiten verstehen und nicht
die Umstände allein, sondern viel mehr die Akteure in den Vordergrund stellen.
Neben der seit den achtziger
Jahren des letzten Jahrhunderts verbindlichen Holocausterziehung an Österreichs
Schulen ist der Gedenkdienst an Holocauststätten daher wesentlich. Er schärft
die Sensibilität für jede Form von Diskriminierung und Ausgrenzung und ermutigt
zum Widerstand gegen gefährliche politische Strömungen. Jeder Gedenkdiener, gleichgültig ob er in
Washington, New York, Los Angeles oder Richmond seinen Dienst versehen hat,
wird im Angesicht menschlicher Ungerechtigkeit
eine mahnende Stimme in sich spüren und das Andenken an diesen oder
jenen Menschen revue passieren lassen können, den er an einer der Gedenkstätten
kennen gelernt hat. Das 21. Jahrhundert wird noch genügend Herausforderungen an
uns stellen, an denen wir unseren Gerechtigkeitssinn testen werden können.
Ich möchte in diesem
Zusammenhang eine persönliche Erfahrung erzählen, die mich stark geprägt hat.
Ich hatte einen Freund, ein gebürtiger Wiener, der als Mitglied einer
Spezialeinheit der britischen Truppen am D-Day hinter den feindlichen Linien in
Frankreich per Fallschirm und mit einem Fahrrad abgeworfen wurde. Er und seine
jüdischen Mitstreiter waren dem Holocaust entkommen und hatten es sich zur
Lebensaufgabe gemacht, Hitler zu besiegen. Sie hatten sich in England, mit
neuen Identitäten ausgestattet, zu Spezialeinheiten ausbilden lassen, die für lebensgefährliche
Einsätze vorgesehen waren. Ein Drittel der ungefähr 85 Mitglieder dieses
Spezialtrupps überlebte den Einsatz am D-Day in Frankreich nicht.
Mein Freund zeichnete sich durch
großen Optimismus und ungebrochene Lebensfreude aus, trotz schlechten Herzens
und 83 Jahren. Ich fragte ihn, wie es ihm gelungen sei, im Angesicht der
Erniedrigungen und Verluste, die seine Familie im Holocaust hinnehmen musste,
eine so positive Haltung und Lebenseinstellung zu bewahren. Er sagte: “Aus zwei
Gründen: Weil ich das getan hatte, was meine innere Stimme mir gebot. Und weil
ich es mir zur Lebensmaxime gemacht habe, heiter auch im Angesicht der größten
Not zu bleiben.”
Diese Sätze haben sich mir
eingeprägt und ich hoffe, dass alle Gedenkdiener, die aufgrund ihres
freiwilligen Einsatzes an Holocaust Gedenkstätten in die dunkelsten Winkel der menschlichen
Grausamkeit geblickt haben - oder dies noch vor sich haben - ihre Erfahrungen
im Sinne dieser Äußerungen nützen werden und dabei ihre Heiterkeit nicht
verlieren.
Im Mittelpunkt dieses Buches ist
die zwischenmenschliche Beziehung gestellt. Das Buch bildet eine Kommunikationsplattform
zwischen den Generationen von Vertriebenen und der dritten
Nachweltkriegsgeneration. Für manche Zeitzeugen ist der Kontakt mit den
Gedenkdienstleistenden die erste Kontaktaufnahme zu deren Heimat. Für
Jugendliche ist dieser Kontakt eine wertvolle Erfahrung und Einblick in
geschichtliche Ereignisse. Diese Berührung führt zu vielen interessanten
gegenseitigen Eindrücken von denen manche Eingang in diesem Buch gefunden
haben.
Seit 1993 sind österreichische
Gedenkdienstleistende durchgehend in Washington vertreten[2]. Während dieser Zeit wurden zahlreiche Freundschaften und traditionelle
Beziehungen zu österreichischen Emigranten und Zeitzeugen in der Umgebung
Washingtons geschlossen. Seit dem ersten Einsatz eines Gedenkdieners hier in
Washington ist der Aufgabenbereich am United
States Holocaust Memorial Museum um eine Reihe von Tätigkeiten gewachsen.
Die verantwortungsvolle Forschungsarbeit in der Historikerabteilung bzw. im
Archiv ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Die persönliche Freundschaft zu den
hier lebenden Österreichern ist eine soziale Tätigkeit, die mittlerweile von
vielen Menschen hoch anerkannt und geschätzt wird.
Ich möchte mich bei allen Bedanken, die an diesem Buch
mitgeschrieben und mitgearbeitet haben.
Bedanken möchte ich mich insbesondre bei den
österreichischen Zeitzeugen, die mich in ihren Freundeskreis aufgenommen haben
und mir Zugang zu ihren Lebensgeschichten gaben. Meinen aufrichtigen Dank
möchte ich an Susanna und Felix Yokel aussprechen, die mich wie ein
Familienmitglied behandelten und mit denen ich viele schöne Feste feiern
durfte, unter anderem Pesach[3].
Danke an Marie und Kurt Heinrich für die interessanten Gespräche und für die
gemeinsamen Kunststunden. Danke an Regina Espenshade und Gene Hix, ohne deren
Freundschaft und Unterstützung ich mir in Washington in mancher Hinsicht
verloren vorgekommen wäre. Danke an George Czuczka, der mich zum Schreiben
motiviert, und immer wieder ermutigt hat, dieses Buch fertig zustellen.
Danke am meine Kollegen im Museum. Ich habe von meinem
Vorgesetzten Peter Black sehr viel gelernt, er hat immer für die
Angelegenheiten des Gedenkdienstes und für mich persönlich Zeit gefunden und
mich in jeglicher Hinsicht unterstützt. Danke an meine Kollegen und Freunde
Patricia Heberer, Severin Hochberg, Theresa Dowell, Vadim Altskan, Steven F.
Sage, Michael Gelb, Jürgen Matthäus, Bruce Tapper, Flora Singer und Gerald
Schwab.
Nicht zuletzt möchte ich mich bei
der Initiative Gedenkdienst herzlichst bedanken, durch die ich die Möglichkeit
hatte, diese wertvolle Erfahrung zu machen. Je mehr ich mich in meine Tätigkeit
eingelebt habe, desto mehr lernte ich diese zu schätzen. Der Gedenkdienst gab
mir die einzigartige Gelegenheit, mich aus dem alltäglichen Leben herauszudenken
und meinen Blick auf etwas zu richten, worauf ich heute stolz sein kann. Ich
habe Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, die meine Wertvorstellungen verändert
haben und meinen weiteren Weg bestimmt wesentlich prägen werden.
Die Bedeutung der Vergangenheit für die Zukunft liegt im
Erkennen von Zusammenhängen
Gregor Ribarov[4]
GEDENKDIENST ist eine politisch unabhängige Organisation,
die sich mit den Ursachen und Folgen von Faschismus, Nationalsozialismus und
Holocaust auseinandersetzt. Unser Augenmerk gilt insbesondere der Rolle von
ÖsterreicherInnen als Täter, Mitläufer und Zuschauer. Zugleich richten wir
unseren Blick auf die oft vergessenen Geschichten jener ÖsterreicherInnen, die
vom NS-Regime verfolgt, vertrieben, ermordet wurden.
Zwar mag in den letzten Jahren verstärkt eine
öffentlich-politische Auseinandersetzung damit stattgefunden haben, so kratzt
sie doch nur an der Oberfläche dieses „Meeres an Geschichten“[5].
Mit medienwirksamen Inszenierungen scheint es zwar möglich einen Großteil der
Bevölkerung zu erreichen, jedoch muss klar sein, dass man größeren Zusammenhängen
einer- und persönlichen Schicksalen andererseits nicht gebührend gerecht werden
kann. Gerade das Gedankenjahr 2005 hat gezeigt, wie einfach es ist, in
unreflektierte Bauchpinselei zu verfallen anstatt einen produktiv-kritischen
Diskurs zu führen.
Dass es keinen Bedarf an einer solchen aktiven
Erinnerungspolitik gäbe, kann als Ausrede nicht herhalten. Seit 1992 haben an
die zweihundert Mitglieder unseres Vereins, unter durchaus widrigen Bedingungen
an zahlreichen Einrichtungen, die auf die eine oder andere Art Ursachen und
Wirkungen des Holocaust thematisieren, in 13 Ländern einen Gedenkdienst
geleistet. Zahlreiche junge Interessenten zeigen weiterhin, dass es Ihnen
wichtig ist sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit der
nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen und in der Konsequenz
für die Gegenwart gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit
aufzutreten.
Aktives Erinnern ist allerdings, um nicht in Illusionen
zu verfallen, keine leichte Angelegenheit sondern ein Prozess, der hohe
Anforderungen an jene stellt, die sich entschließen das bereits proklamierte
Meer an Geschichten befahren zu wollen. Persönliche Schicksale und
Lebensgeschichten werden wie ein Mosaik aus unzähligen Details geformt und sind
derart vielschichtig, dass sie sich einer Bewertung oder Klassifizierung
weitestgehend entziehen[6]. Sich mit ihnen zu beschäftigen braucht vor
allem Zeit und einen entsprechenden Rahmen. Nur so ist auch das Erkennen von
größeren historischen und gesellschaftspolitischen Zusammenhängen möglich, die
einmal gewonnen, auch in der Gegenwart Orientierung geben können. Um die
Bereitstellung dieses Rahmens bemüht sich GEDENKDIENST nun seit über 10 Jahren
erfolgreich. Vor allem das positive Feedback der zahlreichen Überlebenden die
mit Gedenkdienstleistenden an den verschiedenen Einsatzstellen in Kontakt
treten bestätigen unsere Arbeit. Für viele ist es eines der wenigen späten
Zeichen von Anerkennung und nicht zuletzt auch eines Gesinnungswandels, dass
sich junge Österreicher der dritten und vierten Generation mit ihrer Geschichte
und der Täterrolle Österreichs beschäftigen.
Eine derart profunde und eingehende Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit wirkt sich auch auf die Gegenwart aus. So sind viele
ehemalige Gedenkdienstleistende ehrenamtlich oder sogar beruflich in zahlreiche
zeitgeschichtliche Projekte involviert, so auch im Verein. GEDENKDIENST bietet
allen Interessierten eine Plattform für inhaltliche Diskurse, u.a. durch die
Veranstaltung von Tagungen und Studienfahrten sowie die Vortragsreihe
„Ge-Denken“, aber auch einer vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift. Dabei
stehen durchaus auch brisante aktuelle Themen im Mittelpunkt, wie
beispielsweise zuletzt die Situation der slowenischen Minderheit in Kärnten[7]. Damit wollen wir einen Beitrag zu einer
kritischen Gesellschaft leisten, die die Idee des „Lernens aus der Geschichte“
noch nicht aufgegeben hat, sondern mit tatsächlichem Engagement untermauert.
Eine Form dieses Engagements halten sie soeben in ihren
Händen. Stefan Stoev hat mit dieser Publikation sein Ziel verwirklicht,
interessierten Außenstehenden einen authentischen Einblick in die Arbeit der
Gedenkdienstleistenden zu geben. Gleichzeitig ist es auch eine Einladung
geworden sich auf eine Fahrt durch das Meer der Geschichten zu begeben und die
hoffentlich von möglichst vielen LeserInnen angenommen wird.
I. Aller Anfang ist schwer oder
Anlaufschwierigkeiten mit Happyend
Die Vorbereitungen für meinen Aufenthalt und
Arbeitseinsatz in Washington waren alles andere als einfach. Ich war nicht nur
Tag und Nacht damit beschäftigt, meine Wohnung in Wien aufzulösen und meine,
sich über die Jahre zusammengestauten Sachen bei Freunden und Verwandten
unterzubringen; nein, ich erfuhr am US-Konsulat auch völlig unerwartet, dass
mein Antrag auf ein Visum abgelehnt worden war. Das traf mich wirklich wie ein
Blitz aus heiterem Himmel. Warum plötzlich abgelehnt? Eine Kooperation die über
so viele Jahre reibungslos verlaufen war, stieß gerade jetzt auf eine
bürokratische Hürde. Ich stand da wie im Regen ohne Schirm, alles andere hatte
ich schon hinter mich gebracht: meinen Job gekündigt, meine Wohnung aufgelöst,
in Washington eine Wohnung angemietet, mein Flugticket gekauft, und jetzt...
Jetzt stand ich da, vor einem Dilemma und der alles entscheidenden Frage, wie
es denn nun weitergehen soll.
Die Nerven, die ich bei der Klärung der Angelegenheit in
den folgenden Tagen verlor, und die grauen Haare, die mir daraus wuchsen, sind
zwar nicht mehr zu ersetzen, doch Ende gut, alles gut. Durch den großen
persönlichen Einsatz und die sehr aktive Unterstützung seitens des
GEDENKDIENSTES und des Museums in Washington, denen ich zu größtem Dank
verpflichtet bin, erhielt ich dann letzten Endes doch ein Visum. Mein Kollege
Dominik Aschauer, der seinen Dienst im Leo Baeck Institut in New York
ableisten sollte, hatte weniger Glück, bekam dann jedoch die Möglichkeit, im Jewish
Cultural Center in London seinen Dienst abzuleisten.
Durch all den organisatorischen Stress fiel das
Abschiednehmen eher kurz aus. Meine Eltern gaben mir noch ein paar
unerlässliche Ratschläge mit auf den Weg und meine Freunde versprachen mir zu
schreiben. Jetzt aber los, Amerika, ich komme!
***
Die Anreise und der erste Eindruck
Ich konnte es kaum erwarten, meinen Dienst anzutreten. So
legte ich meine Anreise auf den 22. Juni fest, also auf gute dreieinhalb Wochen
vor meinem offiziellen Dienstantritt. Dadurch hatte ich genügend Zeit, um
Organisatorisches zu erledigen.
Als ich am Washington Dulles International Airport (IAD)
ankam, regnete es in Strömen. Ich nahm den Blue
Van- Shuttlebus, der mich direkt zu
der Adresse brachte, wo ich die nächsten vierzehn bzw. fünfzehn Monate
verweilen sollte. Die Fahrt dauerte lang, und durch den starken Regen konnte
man vom Bus aus nichts von der Stadt erkennen, um erste Eindrücke zu sammeln.
Es war später Nachmittag, ich war vom langen Flug sehr müde, meine Augen waren
von der künstlichen Belüftung im Flugzeug völlig trocken und rot, und ich hatte
das Gefühl, Sand in den Augen zu haben. Und doch war ich durch die Aufregung
voller Energie. Nach fast zwei Stunden endlos erscheinender Fahrt teilte mir
der Fahrer mit, dass wir angekommen wären. Ich schnappte meine Koffer, die kaum
zu tragen und vollgestopft mit allen möglichen Sachen waren. Es waren jede
Menge Dinge in diesen Koffern, die ich glaubte, für meinen einjährigen Aufenthalt
in den Vereinigten Staaten zu brauchen. Da stand ich nun, auf einer schönen
grünen Strasse, vor einem dreistöckigen Haus im viktorianischen Stil. Meine
Freunde, die für mich die Wohnung organisiert hatten und im ersten Stock
desselben Hauses wohnten, empfingen mich sehr herzlich. Sie gaben mir den
Schlüssel für meine neue Wohnung und ich ging in das dritte und oberste
Stockwerk hinauf. Als ich die Tür öffnete, fühlte ich mich in die Anfänge
meiner Studienzeit zurückversetzt:
Die Wohnung glich einem kleinen Hotelzimmer, war mit
einer winzigen Küche und einem Abstellraum ausgestattet, und bestand aus einem
Badezimmer mit verrosteten Rohren und kaputter Toilette. Ich habe zwar viel
investieren und renovieren müssen, um das Appartement angenehm sauber - ja
sogar einigermaßen gemütlich - zu machen, doch das war wohl der Mindestaufwand,
den ich betreiben musste, um mich in einer guten Wohngegend niederzulassen.
Mit der Zeit wurde mir auch eindeutig bewusst, in welch
hervorragender Lage sich die Wohnung befand. Die kleine Wohnung an der Ecke
Corcoran und 15. Strasse war nur ein paar Minuten vom berühmten Dupont Circle entfernt und lag ganz in
der Nahe vom historischen Stadtteil Georgetown;
das Weiße Haus war nur einige Blocks die Straße runter und das USHMM[8]
konnte man zu Fuß in weniger als einer halben Stunde erreichen.
Wie erwähnt, hatte ich mit der Wohnung großes Glück, denn
es ist in Washington DC nicht nur schwierig, eine gute und zugleich günstige
Wohnung zu finden, es ist außerdem auch sehr herausfordernd, den unzähligen
Anforderungen nachzukommen, die man erfüllen muss, um überhaupt eine Wohnung
mieten zu dürfen. Im Prinzip braucht man für alles, was meldepflichtig ist, wie
z. B. die Wohnung, das Konto und das Telefon, eine Sozialversicherungsnummer,
auf die wir mit unserem Status als österreichische Gedenkdiener nun mal keinen
Anspruch haben. Dazu kommen noch Begriffe wie Bonitätshistorie, Miethistorie
und, und, und...; Dinge, die nur Kopfschmerzen bereiten, denn jemand mit
befristeter Aufenthaltsgenehmigung kann dies alles nicht aufweisen. Die
Wohnungssuche ist für die Gedenkdiener stets ein Abenteuer mit offenem Ausgang,
und die steigenden Mietpreise machen dieses Abenteuer noch spannender.
II. Eine 360° Drehung
durch das Museum
Schmetterlinge im Bauch zum Dienstantritt
Als ich mich auf dem Weg zum Museum machte, um mich
meinen zukünftigen Kollegen vorzustellen, war ich sehr aufgeregt. Am
Touristeneingang des beeindruckenden Gebäudes auf der 14. Strasse fand ich mich
vor einer riesigen Schlange von Besuchern wieder. Es war heiß wie in der Wüste
und schwül wie im Regenwald, mir wurde durch die Aufregung und das lange,
angespannte

Warten leicht schwindlig. Die Kontrollen, die man beim
Betreten des Museumskomplexes durchlaufen muss, erinnern an die
Sicherheitskontrollen auf einem Flughafen. Die Größe des Museums hat meine
Vorstellungen mehrfach übertroffen. Ich ging zum Aufzug, um ins fünfte
Obergeschoss zur wissenschaftlichen Forschungsabteilung hinaufzufahren.
Christoph holte mich vor dem Aufzug ab und führte mich in die Abteilung. Dort
stellte er mich meinen Vorgesetzten und Kollegen Peter, Patricia, Severin und
Anna vor. Anna war damals als freiwillige Assistentin in der
Historikerabteilung tätig. Ich wurde von allen so warm und herzlich empfangen,
dass mein Lampenfieber rasch verging. Peter nahm sich sofort die Zeit, um mich
in die Organisation der Abteilung und meine Tätigkeit einzuführen. Er stellte
mich auch den anderen Kollegen vor. Mein Arbeitsplatz war ein klassisches
Cubicle, ausgestattet mit einem Schreibtisch, einem Computer und einer
Schublade, wie man es aus den amerikanischen Filmen kennt.
Einmal bat ich Peter um ein kurzes Gespräch, um über die
Zusammenarbeit mit dem Gedenkdienst und über seine persönliche Erfahrung mit
den Gedenkdienern zu sprechen.
Gespräch mit Dr.
Peter Black, Senior Historian
Direktor der historischen Forschungsabteilung am
United States Holocaust Memorial Museum in Washington

Im April 1993 öffnete das Holocaust-Museum in Washington
erstmals seine Türen. Noch im selben Jahr begann die Kooperation mit dem
Gedenkdienst, und gleich darauf trat der erste Gedenkdiener Anton Legerer
seinen offiziellen Zivilersatzdienst in Washington an.
Heute, zwölf Jahre später, bin ich der elfte
Gedenkdiener, der - wie alle seine Vorgänger - in der historischen Forschungsabteilung
unter der Leitung von Dr. Peter Black arbeitet. Dr. Black ist seit 1997 für die
Gedenkdiener im Museum verantwortlich. In einem gemeinsamen Gespräch erzählt er
von seinen Erfahrungen und Freundschaften mit den Gedenkdienern:
„Ich habe als ersten Gedenkdiener Helmut Prochart kurz
vor seiner Heimfahrt kennengelernt“, erinnert er sich. „Damals war unsere
Abteilung noch sehr klein. Es gab noch keine internationalen Forschungsprojekte
und auch nur wenige Angestellte in unserem Bereich. Das Zentrum für höhere
Holocaustforschung (Center for Advanced
Holocaust Studies) war noch nicht eingerichtet, und wir waren eine
Mannschaft von wenigen Leuten. Der Gedenkdiener war deshalb ein wichtiges
Teammitglied, sowohl bei wissenschaftlichen als auch bei administrativen und
organisatorischen Arbeiten. Als Thomas Huber, im April 1998, seine Tätigkeit
bei uns aufnahm, hatte er die gleichen Kernaufgaben, die für seine Nachfolger
bis heute unverändert geblieben sind:
Er hat sich am Museum mit der Beantwortung von Anfragen
und mit Forschungsaufgaben befasst. Daneben führte er die Besucher und
Delegationen, die von der österreichischen Botschaft vermittelt wurden, durch
die Ausstellungen. Darüber hinaus pflegte und intensivierte er die sozialen
Kontakte zu österreichischen Zeitzeugen, die in die Vereinigten Staaten
emigrierten und heute in der Umgebung Washingtons leben. Ein bedeutendes
Projekt, bei dem er uns beispielsweise unterstützt hat, war die Verfassung der
Bibliographie des Jüdischen Widerstandes. Thomas war der erste
Gedenkdienstleistende, den ich während seines Dienstes von Beginn an betreute.
Sein Nachfolger ab Mitte Juli 1999 war Roman Kopetzky. Er entwickelte sich zu
unserer internen Computerfachkraft, denn er hatte zwar keine historischen
Vorkenntnisse, war jedoch ein Experte im
EDV-Bereich, wo er dann auch verstärkt zum Einsatz kam. Im Herbst 2000
kam dann Harald Schindler, der von Beruf Meteorologe war. Da ich damals keine
administrative Unterstützung hatte, übernahm er diese Aufgabe und kam
hervorragend damit zurecht. Als sein Dienst am 14. September 2001 endete,
verzögerte sich seine Heimreise auf Grund des 11. Septembers. Sein Nachfolger
war Roland Engel, der sich stark für die Angelegenheiten der Zeitzeugen
engagierte. Der Schwerpunkt seiner Ausbildung lag im Personalwesen. Aus diesem
Grund konnte er sehr gut mit anderen Menschen umgehen. Die Idee, seine
Qualitäten gezielt einzusetzen, gab uns dann den Anstoß, die Gedenkdiener
künftig auch in die Arbeit anderer Abteilungen zu involvieren. Auf Roland
folgte Paul Schiefer, von Beruf Journalist. Durch seinen Beruf war er sehr gut
organisiert und brachte den Fokus des Gedenkdienstes wieder zurück auf die
Arbeit an der historischen Forschungsabteilung. Nach ihm kam dann dein Vorgänger
Christoph Köttl. Er hatte ja Geschichte studiert und war in unserem Umfeld zu
Hause. Er zeigte Begeisterung für die Militärgeschichte und leistete einen
großen Beitrag bei der Forschung zum Thema KZ-Befreiung durch
US-Militäreinheiten.
Deine eindeutige Stärke, Stefan, sind deine
Sprachkenntnisse. Aus diesem Grund wurdest du auch in die Arbeit der
Archivabteilung so intensiv eingebunden, wodurch du das Profil des Gedenkdieners
um eine weitere Kompetenz erweitert hast.“
Im Laufe unseres Gesprächs musste ich daran denken, wie
ich vor einem Jahr meinen Dienst antrat. Ich musste auch an die
Vorbereitungszeit zurückdenken. Damals haben wir in einer großen Gruppe
Studienreisen nach Theresienstadt und Auschwitz unternommen und zahlreiche
Gespräche mit Zeitzeugen geführt. Mein Nachfolger trifft bald ein, um hier in
Washington meine Aufgaben zu übernehmen und fortzusetzen. Die Zeit ist schnell
vergangen, doch die Erinnerung bleibt für das ganze Leben. Ich habe eingesehen,
dass die Geschichte ein sehr dynamisches Thema ist, dessen Verständnis von der
jeweiligen Generation abhängt. Deshalb empfinde ich es als wichtig, uns mit der
Vergangenheit auseinanderzusetzen, um diese besser zu verstehen und aus ihr für
die Zukunft zu lernen.
Zum Abschluss unseres Gesprächs fügte Peter noch hinzu:
„Ich begrüße die positive Alternative zum Militärdienst
durch die Ableistung eines Gedenkdienstes an einer Holocaustgedenkstätte.
Deshalb bemühen wir uns auch bei den Aufgabenstellungen an die Gedenkdiener um
eine gewisse Flexibilität, damit das Anforderungsprofil an die persönlichen
Qualifikationen angepasst werden kann und keine Barriere für die Kandidaten
darstellt. Wir begrüßen die Zusammenarbeit sehr und freuen uns auch weiterhin
auf eine gute Kooperation.“
Das Holocaust-Museum wurde am 26. April 1993 eröffnet.
Der erste offizielle Besucher war der Dalai Lama. Heute[9]
zählt das Museum über 22 Mio. Besucher aus aller Welt, darunter 7,5 Mio. Kinder
und 2700 offizielle Delegierte aus 130 Ländern. Als ich das riesige Gebäude das
erste Mal betrat und die Sicherheitskontrolle passierte, richtete sich mein
Blick auf die vielen Fahnen der Befreiungsarmeen, die wie Soldaten in einer Reihe vor mir standen. Ich machte ein
paar unsichere Schritte, umfangen von einem Gefühl der Desorientierung. Die
massiven Stahlsäulen und protzigen Steinmauern übten eine besondere Kälte auf
mich aus. Der Architekt James Ingo Freed wollte eine architektonische Beziehung
zwischen dem Gebäude und den sich darin befindenden Ausstellungen schaffen. Im
Jahr 1980 gab der Amerikanische Kongress dem USHMM den offiziellen Status einer permanenten Gedenkstätte für die
Opfer des Holocausts. Der Auftrag zur Errichtung des Museums - das zunächst als
Denkmal vorgesehen war - wurde von Präsident Jimmy Carter gegeben.
Das USHMM befindet sich zwischen der 14. und
15. Strasse in der Nähe der Independence
Avenue und ist von beiden Seiten zugänglich. Das Museum besteht aus zwei
miteinander verbundenen Gebäuden. Aus der Vogelperspektive betrachtet, erinnern
die spitzen Türme, die in zwei Viererreihen errichtet worden sind, an die
Wachtürme eines KZ. Auf der Westseite am Eisenhower-Platz befindet sich das
sechseckige Annexgebäude, dessen Dach die Form einer Pyramide hat. Darin
befindet sich die Hall of Remembrance,
das amerikanische Nationaldenkmal für die Holocaustopfer:
Im Inneren des
Raumes sind auf Granitwänden die Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager
nachzulesen. Kerzenlichter erhellen den Raum von allen Seiten. Säulen aus
Kalkstein bilden einen engeren Kreis um den Raum, in dessen Zentrum die ewige
Gedenkflamme brennt. In die Kalkwände sind verschiedene Epitaphen eingemeißelt.
Die Gedenkstätte ist von einer sechseckigen Glaspyramide in Form eines
Wintersterns überdacht, durch die der Raum mit Sonnenlicht erfüllt wird.
In der Hall of
Remembrance finden regelmäßig Feierlichkeiten und Ansprachen von
bedeutenden Politikern aus aller Welt statt. Im Laufe meiner Dienstzeit durfte
ich den Besuchen der Staatspräsidenten von Rumänien, Traian Basescu, und der Ukraine, Viktor
Juschtschenko, beiwohnen.
Wenn man das Museum durch einen der beiden Eingänge
betritt, befindet sich der Besucher zunächst in der Hall of Witness. Als erster Anlaufpunkt dient der Information
Desk, an dem Auskünfte über die
einzelnen Ausstellungen und das Umfeld des Museums gegeben werden:
Jeden Donnerstag hilft unsere Historikerabteilung am
Informationsstand in der Hall of Witness aus. Mir bereitet
diese Tätigkeit besondere Freude, denn dabei habe ich die Möglichkeit, mit
Zeitzeugen, die als Freiwillige den Visitor Service-Bereich
unterstützen, zusammenzuarbeiten. Hierbei lernt man Menschen aus aller Welt und
aus den verschiedensten Kulturen kennen und wird dabei auch mit den
eigenartigsten Fragen konfrontiert, auf die man zu Antworten wissen muss. Ich
betrachte diese zwischenmenschliche Interaktion als eine große Bereicherung.
Auf derselben Ebene ist die Kinderausstellung Daniel’s Story: Diese
versetzt die Besucher in die Rolle des achtjährigen Daniels, der
gemeinsam mit seiner Familie die Härte und die Gräuel eines Arbeits- bzw.
Konzentrationslagers erfährt, und aus seinem Tagebuch von den Ereignisse aus
dieser Zeit berichtet.
Wenn sich der Besucher von der Hauptebene ins
Untergeschoss des Museums begibt, kommt er zu den temporären Ausstellungen. Zur
Zeit hat er dort die Möglichkeit, die Ausstellung Deadly Medicine zu besichtigen:
Darin wird das Thema Rassenpolitik mit Hilfe von Eugenik
behandelt. Getrieben durch ihre rassistische Ideologie, wurde von deutschen
Wissenschaftlern die Überlegenheit der Deutschen Rasse propagiert. Um das nationale Interesse zu wecken,
bezeichneten Sie die Thematik der Bedrohung durch andere Rassen als eine Gefahr
für die "Gesundheit" der Nation. Auf diesen Theorien baute die
nazi-deutsche Regierung ihre politischen Maßnahmen auf. Teile des vorgeführten
Filmmaterials erinnerten mich sehr stark an Kurt Gerons[10] Propagandafilm „Der Führer
schenkt den Juden eine Stadt“.
***
Beitrag von Bruce Tapper, Senior
Editor an der Publikationsabteilung
am USHMM
Ich lernte Stefan zum ersten Mal kennen, als ich an dem
Übersetzungsprojekt für den Museumsführer arbeitete. Dabei ging es darum, die englischsprachige
Informationsbroschüre in neun weitere Sprachen zu übersetzen. Als Redakteur an
der Publikationsabteilung des Museums nahm ich die Vorversion des deutschen
Textes, die bei einer auswärtigen Übersetzungsagentur in Auftrag gegeben worden
war, mit zur Einsicht. Unser Abteilungsleiter
hatte daran einige Änderungen vorgeschlagen.
Dies war das erste Mal, dass eine Museumspublikation auf Deutsch
herausgegeben wurde, und aus diesem Grund wollten wir auch jegliche Fehler
vermeiden. Mir ging es darum, in allen Übersetzungen einheitliche Information
zu vermitteln.
Stefan war gerade in Washington angekommen und wurde von seinem
Vorgänger Christoph Köttl in seinen Tätigkeitsbereich eingeführt. Ich hielt es
für eine gute Idee, zunächst von deutschen Muttersprachlern eine Meinung zur
Übersetzung einzuholen.
Die Broschüre beschreibt die Aufgaben des Museums und gibt einen
Überblick über dessen einzelne Ausstellungen und Einrichtungen. Beim Einblick
in das englische Original schlugen Stefan und Christoph gemeinsam Änderungen an
der deutschen Version vor. Später, nachdem diese Änderungen durchgeführt worden
waren, überprüfte Stefan noch einmal die Wortstellung und bemerkte weitere
grammatikalische Fehler.
Am Ende wurde das Dokument vom Abteilungsleiter genehmigt und der
gedruckte Prospekt wurde bei unseren deutschsprachigen Besuchern sehr beliebt.
Nach dieser ersten Bekanntmachung und meinem ersten gemeinsamen
Projekt mit Stefan schlossen wir Freundschaft und entdeckten gleichzeitig, dass
wir viele gemeinsame Interessen hatten, wie beispielsweise die Kunst, das
Reisen und die Leidenschaft über verschiedene Kulturen zu lernen.
Neben meinem Abschluss als Journalist habe ich auch ein Doktorat
in sozialer Anthropologie, mit dem
Schwerpunkt Süd-Asien. Darüber hinaus habe ich in zahlreichen fremden
Ländern gelebt. Ich komme an jedem Freitag ins CAHS[11]
zu einem informellen Yiddish-Studienkreis, und schaffte es, auch Stefans
Interesse dafür zu wecken. Er nahm auch an einigen unserer Seminare, in denen
wir holocaustbezogene Artikel lesen und übersetzen, teil.
Das Alphabet stellt sicherlich eine Herausforderung da, doch das
Vokabular ist dem Deutschen sehr ähnlich. Stefan nahm sogar seinen Nachfolger
Christian Url mit, der sich auch einigen unserer informellen Sitzungen
anschloss.
Stefans Dienstzeit am USHMM ist
sehr rasch vergangen, und nun kehrt er wieder zurück in seine Heimat
Österreich. Ich weiß bereits heute, dass ich unsere Mittagsdiskussionen
vermissen werde. Doch ich weiß auch, dass ich jetzt einen guten Freund in Wien
habe.
***
Einblick in die
Archivarbeit und Zusammenarbeit
Durch die
Übersetzungstätigkeit habe ich an zahlreichen Dokumenten aus dem Museumsarchiv
gearbeitet, die von der internationalen Archivabteilung (International Archival Programs Division - IAPD) zur
Verfügung gestellt wurden. Die Aufgabe der IAPD
ist es, die Beweismaterialien aus der Zeit des Holocaust zu aquirieren. Diese
Materialen dienen der Holocaustforschung am Forschungszentrum des Museums - CAHS. Das Zentrum betreibt eine Reihe von Aquisitionsprogrammen,
kooperiert mit über 50 Ländern weltweit und ergänzt dadurch den Archivbestand
des Museums jährlich um zwei Millionen Seiten. Als Ergebnis dieser Programme
entwickelte sich das Museum rasch zur weltgrößten und meist konsultierten
Quelle für Holocaustdokumentation.
Über die Zusammenarbeit mit
der IAPD lernte ich meine beiden Freunde Anatol und Vadim kennen:
***
Bratushka Stefan
Beitrag von Vadim Altskan[12],
über unsere Gespräche und die entstandene Freundschaft
Ich lernte Stefan im September
2004 kennen, ein paar Monate nachdem er seinen Dienst als
Gedenkdienstleistender im Museum begonnen hatte. Es war uns vorausbestimmt gute
Freunde zu werden, einerseits wegen unserer verwandten Herkunft (Bulgarischer
und Russischer), aber vielmehr auf Grund unserer gemeinsamen Interessen in
Geschichte, Kunst, Musik, Politik und Reisen.

Im Museum beriet sich Stefan
mit mir, wenn er an Russischen Dokumenten aus dem Archiv arbeitete, doch unsere
Unterhaltungen erstreckten sich auch außerhalb der Arbeitszeiten. Wir haben
Picknicks in den Dumbarton Oaks Gärten unternommen, wo Stefan gemeinsam mit
meinem Sohn malte. Wir haben uns über verschiedene Kulturen unterhalten und uns
Gedanken darüber gemacht, wie die Welt zu verbessern wäre. Ich besichtigte
seine Bilderausstellung, an der St. Thomas Kirche, die er gemeinsam mit einem
österreichischen Überlebenden organisiert hatte. Ja, Stefans Dienstzeit hat
viele Erinnerungen zurückgelassen und wir werden ihn hier sehr vermissen. Doch
ich habe ihm versprochen, dass wir uns wieder sehen werden und dieses
Versprechen werde ich einhalten.
***
Anatol Steck ist gebürtiger
Wiener und seit 1988 in Washington. Er hat an der Catholic University
studiert, wo er 1995 ein B.A. in General Studies machte
und danach einen Masters in Library and Information
Science belegte.
„Während meines Studiums war
ich vollzeitig als Archivar an der Charles
Sumner School Museum and Archives
- einem historischen Kulturzentrum, Museum und Archiv - in Washington
beschäftigt”, erzählt Anatol über sein Leben und seine Arbeit.
„Ich wollte schon seit der
Eröffnung 1993 für das United States Holocaust Memorial Museum
arbeiten. Ich hatte das Glück, dass ich
1999 - kurz vor Abschluss meines Studiums - in der Bibliothek des Museums
eingesetzt wurde. Diese zwei Jahre waren eine sehr lehrreiche Zeit.“
2001 wechselte Anatol in die
internationale Archivabteilung. Dort ist er für die archivarischen
Akquisitions- und Reproduktionsprojekte in Zusammenhang mit der Geschichte
Österreichs, Israels und der Tschechischen Republik zuständig.
„Ein besonders nennenswertes, aktuelles Projekt - auch was den
Gedenkdienst betrifft - ist die Erfassung und Mikroverfilmung des
Archivmaterials der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG Wien) in unser
Archiv. Dieses Projekt wird in Zusammenarbeit mit der jüdischen Gemeinde in
Wien und den Central Archives for the History of the Jewish People in Jerusalem durchgeführt.”
Die holocaustrelevanten Bestände des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien bestehen aus zwei Archivkomponenten:
Die erste Archivkomponente, die zirka 400.000 Seiten umfasst,
wurde im Januar 2001 von einer Wohnung im 15. Wiener Gemeindebezirk in die
Anlaufstelle es Internationalen Steering Committees, dem Komitee für jüdische NS-Verfolgte in und aus
Österreich, überstellt. Dieses Archivmaterial, das durch die jahrzehntelange
Lagerung in der Liegenschaft teilweise Wasserschäden aufweist und von Schimmel
befallen ist, beinhaltet wichtige Namenskarteien und andere Informationsquellen
zu jüdischen Opfern und Überlebenden des Holocaust in und aus Österreich.
Die zweite Archivkomponente
besteht aus dem Jahrhunderte umfassenden Gesamtarchiv der IKG Wien, das nach dem
Zweiten Weltkrieg von Wien nach Jerusalem - an die Central Archives for the
History of the Jewish People - überstellt wurde. An die eine Million Seiten
holocaustrelevanten Archivmaterials wurden durch Mitarbeiter der IKG Wien
identifiziert und erfasst. Ein sehr wichtiger Teilbestand dieses Gesamtarchivs
sind die so genannten „Auswanderungsfragebögen“. Jeder jüdische Haushaltsvorstand musste ab Mai 1938 einen
detaillierten Fragebogen ausfüllen, um das Land verlassen und der
nationalsozialistischen Verfolgung entkommen zu können.
Die Fragebögen wurden von den Nationalsozialisten für die
systematische Vertreibung und Beraubung der österreichischen Juden und die
Deportation der Zurückgebliebenen verwendet. Diese so genannten
„Auswanderungsfragebögen“ bilden einen der umfangreichsten Bestände an Personendaten
zu österreichischen Juden aus den Jahren 1938 und 1939.
Mit insgesamt 1,4 Millionen Seiten sind die holocaustrelevanten
Archivbestände der IKG Wien somit eine der vollständigsten und
umfangreichsten Informationsquellen einer jüdischen Gemeinde zur Zeit des
Holocaust.
„Seit 2002 verfilmt die internationale Archivabteilung des United States Holocaust Memorial Museums in enger Zusammenarbeit
mit der IKG Wien die Archivbestände Wiens. Seit 2004 wird dasselbe Projekt in
Jerusalem umgesetzt. Die produzierten Filme werden ab Ende 2006 für Forscher
zugänglich sein.”

Über seine Erfahrung mit den
Gedenkdienern ergänzt er:
„Mit den
Gedenkdienstleistenden tausche ich gelegentlich Informationen aus. Ab und zu gehen
wir gemeinsam essen, treffen uns bei privaten Veranstaltungen und auch bei
offiziellen Anlässen auf der österreichischen Botschaft.”
***
Holocaust-Forschung
als Beruf?
Beitrag von Jürgen Matthäus[13]
„Sie sind Historiker am Holocaust-Museum
in Washington? Da haben Sie ja einen Traumjob!“
„Was, das sind Ihre
Arbeitsfelder? Wenn das mal gut geht ...“
Zwei Stimmen, die die
Spannbreite der Reaktionen aus dem weiten Kollegenkreis wiedergeben, sobald ich
erwähne, wo und woran ich arbeite.
Wie so oft liegt die Wahrheit auch hier irgendwo zwischen den Extremen. Fest steht, dass mir meine Zeit am USHMM einzigartige Erfahrungen mit Menschen, Archivmaterial und Forschungsthemen gebracht hat, die ich keinesfal